II. Die geistliche Kunst

Benedikt als Gesetzgeber für den Orden.

Federzeichnung aus dem Ottobeurer Codex der Benediktiner aus dem 12. Jahrhundert, heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart

Der folgende Text wurde in Auszügen entnommen aus:

Die Benediktusregel - lateinisch/deutsch,

hrsg. von der Salzburger Äbtekonferenz,

Beuroner Kunstverl., 1992, S. 40-47.

Einleitung/Zur Spiritualität der Regula Benedicti (RB), S. 31-40

Geistliches Leben ist nach der Vorstellung Benedikts eine Kunst, eine ars spiritualis. Die Metaphern ars, artificium, instrumenta, officina beschreiben Elemente des geistlichen Lebens, den Weg der Askese. „Askesis" meint in der ursprünglichen Bedeutung die künstlerische Bearbeitung eines Gegenstandes, aber auch leibliche Übung und geistige Schulung. In der Philosophie der Stoa bedeutet Askese Einübung in die Tugend. Die Asketen sind die „Übenden", das heißt Menschen, die durch Übung ihre Lebensweise in einer bestimmten Art gestalten. Basilius und Johannes Cassian weisen daraufhin, daß alle Künste und Wissenschaften ein eigenes Ziel (telos) und eine je eigene Bestimmung (skopos) haben. Wer daher eine Kunst (techne - ars) erlernen will, muß dieses Ziel und diese Bestimmung kennen. Er muß alle Handlungen diesem Ziel entsprechend ausführen. Jedes Ziel erfordert seine eigene ihm entsprechende Übung und Anstrengung.

Benedikt begnügt sich im 4. Kapitel seiner Regel damit, die Werkzeuge dieser Kunst und den Ort (officina) für die Ausübung zu nennen, ohne auf die Anwendung und die Beziehung zwischen telos und skopos einzugehen. Er hat im 4. Kapitel eine ganze Liste von Weisungen zusammengestellt, die weitgehend der Heiligen Schrift entnommen sind und auf das monastische Leben hin konkretisiert wurden. Im 5. - 7. Kapitel der Regel werden dann die Grundhaltungen aufgezeigt, die Benedikt für die Ausübung der geistlichen Kunst für unerläßlich hält.

 

1. Hören

„Obsculta" - „höre", mit diesem Wort beginnt die Regel. Das erste Wort eines Werkes oder eines Kapitels kann gewissermaßen als Programmwort angesehen werden. Im Hören-Können ist das Wesen des Menschen angesprochen, seine Größe und Würde. Hören ist ein Grundbegriff des geistlichen Lebens in der Regel. Der Mönch ist Hörender, er ist fähig, den sich offenbarenden Gott zu vernehmen. Hören ist Voraussetzung für Begegnung. In der Hinwendung zum Du ist es Ausdrucksform der Liebe.

„Höre", mit diesem Auftakt zum Prolog steht Benedikt in der Überlieferung der Heiligen Schrift. „Hören auf die Weisheit" ist für das alttestamentliche Verständnis der Weg zum Leben (vgl. Spr 4,10). Die Aufforderung zum Hören erinnert an die Grundweisung Gottes an sein Volk: „Höre, Israel, die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch zu halten lehre. Hört, und ihr werdet leben.." (Dtn 4,1). Die Sünde ist das Nicht-Hören; mit dem Hören aber sind die Verheißungen des Lebens verbunden.

Das Hören verlangt Offenheit und Aufmerksamkeit, die eingeübt werden können. Die kleine Schrift „Admonitio ad filium", die Benedikt zu Beginn des Prologs zitiert, unterstreicht diese Grundhaltung der geistlichen Kunst: „Höre mit gläubigem Sinn ... höre aufs aufmerksamste, und kein Schlaf beschwere deine Seele, sondern wecke sie zum Wachen auf und sei weise im Eifer, meine Rede zu verstehen" (Vorwort 5). Die RB kennt die Vorstellung, daß die Heilige Schrift die laut rufende Stimme ist, die wachrüttelt und ein aufgeschrecktes Ohr voraussetzt. Das Hören ist nicht eine Fähigkeit, die man einmal erlernt hat und dann besitzt. Es ist vielmehr eine Disziplin des Herzens, ein Prozeß der Achtsamkeit, der inneren Ausrichtung auf ein Ziel hin. Benedikt umschreibt dies mit dem Wort: „Neige das Ohr deines Herzens" (RB Prol 1). Das „Neigen des Ohrs" ist biblische Metapher. Benedikt spricht vom „Ohr des Herzens". „Herz" bezeichnet für Benedikt wie für die Heilige Schrift das Gegenüber zu Gott und seinem Wort. Der Hörende ist der eigentlich Liebende.

 

2. Gehorsam

Hören und Tun, Horchen und Ge-horchen aus der Mitte des Herzens, Rückkehr aus der Trägheit des Ungehorsams und Hinkehr zu Gott auf dem Weg des Gehorsams, das sind zentrale biblische Aussagen am Beginn des Prologs, in denen Benedikt sein Gehorsamsverständnis zusammenfaßt.

Benedikt sieht den Menschen in der großen Perspektive der Heilsgeschichte. Der Mensch, geschaffen nach dem Bild Gottes, ist berufen, sich aus der Verfremdung des Ungehorsams befreien zu lassen, um zur Fülle des Lebens zu gelangen. Der Gehorsam ist der Weg zum Leben, weil es der Weg ist, den Christus selbst gegangen ist. „Gehorsam ohne Zögern ist die Haltung derer, denen die Liebe zu Christus über alles geht" (RB 5,1-2). Christus ist das Urbild des gehorsamen Menschen. Die Regel lehrt, daß jeder, der den Weg der Nachfolge Christi geht, einer geistlichen Begleitung bedarf, eines erfahrenen Menschen, der ihn daran hindert, sich selbst zu betrügen. Gehorsam sein bedeutet letztlich, seine eigene Berufung und Sendung zu entdecken, das heißt sich seiner eigenen unverwechselbaren Art der Beziehung zu Gott bewusst zu werden. Benedikt ist selbst diesen Weg gegangen, hat im Entdecken seines Herzens den Weg seiner Sendung immer klarer erkannt und wurde fähig, anderen zu helfen, diesen Weg zu gehen. So ist auch der Jünger eingeladen, sich auf die Weisung des Meisters und gütigen Vaters einzulassen. Das ist ein mühevoller Prozess (labor). Aber Benedikt kennt die Erfahrung, dass der Weg am Anfang eng ist, dass aber das Herz weit wird, wenn man im Glauben voranschreitet. Dann läuft man „in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes" (RB Prol 49). Die Mühe des Gehorsams will also der Liebe Raum schaffen. Von dieser Dynamik spricht das 5. Kapitel der Regel. Die Liebe drängt, „zum ewigen Leben voranzuschreiten" (RB 5,10). Darum lassen sich die Jünger nicht von Selbsttäuschungen leiten, sondern gehen entschlossen ihren Weg nach der Weisung eines anderen (RB 5,11).

Dieses Jünger-Meister-Verhältnis wird am Ende der Regel aufgrund langer Erfahrung ergänzt: „Das Gut des Gehorsams müssen alle nicht nur dem Abt erweisen. Die Brüder sollen ebenso einander gehorchen; sie wissen doch, daß sie auf diesem Weg des Gehorsams zu Gott gelangen" (RB 71,1-2). Der Gehorsam, wie Benedikt ihn hier versteht, setzt die Bereitschaft voraus, aufeinander zu hören. Die Gemeinschaft ist der Ort, wo das „Hören" und „Tun" der Worte Jesu eingeübt wird. Diese Gesinnung des gegenseitigen Dienens und Gehorchens, des Aufeinanderhörens ist es, um die Benedikt sich bemüht: „Im gegenseitigen Gehorsam sollen sie miteinander wetteifern" (RB 72,6). Gehorsam ist letztlich Ausdruck der „glühenden Liebe", von der Benedikt in diesem Kapitel spricht. Es ist nicht eine erste Begeisterung (RB 1,3), sondern eine Liebe, die erprobt, gereift und so glühend geworden ist. Benedikt zeichnet in Kapitel 72 den Menschen, der im Gehorsam den Weg zu seinem Herzen gefunden hat, der sein Herz von aller Verhärtung befreien konnte und so fähig geworden ist, nach allen Seiten hin zu hören und zu tun, was die Situation jetzt erfordert. Es ist die Frucht einer langen Läuterung, ganz in der Gegenwart - und damit ganz in der Gegenwart Gottes - zu leben und vollkommen verfügbar zu sein.

 

3. Schweigen

Benedikt unterscheidet die Schweigsamkeit (taciturnitas) als Grundhaltung des Schweigens von der Übung des Still-Seins (silentium). Im 6. Kapitel spricht er von der inneren Haltung des Schweigens und der Sammlung. Benedikt will im Kloster einen Raum des Schweigens schaffen, in dem der Mensch sich öffnen kann für die Gegenwart Gottes in seinem Wort, in der Liturgie und den vielfältigen Begegnungen des Alltags. Schweigen und Hören sind Grundhaltungen des Jüngers (RB 6,6).

Auf das tiefere Verständnis des Schweigens stoßen wir im 7. Kapitel. Der Weg nach innen ist ein Weg des inneren Schweigens. Die innere Stille erfordert zunächst ein „Lossagen von sich selbst" (Regel von Taize). Dieses Schweigen führt zur Demut. Dann ist es nicht mehr von außen kommende Disziplin, sondern eine innere Haltung, die zur Klarheit der richtigen Rede führt. Den Menschen, der das richtige Maß für sein Schweigen und Reden gefunden hat, zeichnet Benedikt in der 11. Stufe der Demut (RB 7,60-61).

Auf diesem Weg gibt es einzelne Schritte, die eingeübt werden können: zum Beispiel das Schweigen zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten; das bedeutet Rücksicht aufeinander. Zu vermeiden sind Fehlformen des Schweigens. Zu ihnen gehört das lieblose Schweigen, das Schweigen, um bestimmten Menschen und Ansprüchen aus dem Weg zu gehen, das oberflächliche Schweigen, das grollende und hochmütige Schweigen. Zu den Schritten der Einübung gehört auch die Erfahrung, die in den Vätersprüchen zum Ausdruck kommt: „Geh in deine Zelle und setze dich nieder, und deine Zelle wird dich alles lehren" (Apophthegmata Patrum 500). Das „Bleiben in der Zelle" läßt die eigene Wirklichkeit erkennen und „bringt den Mönch an seinen richtigen Platz in der Ordnung der Dinge", wie es an anderer Stelle in den Vätersprüchen heißt (Apophthegmata Patrum 49).

 

4. Demut

Die RB begreift die Demut als einen Weg der Reifung, der Gott im Leben des Menschen mehr und mehr Raum gibt. Im 7. Kapitel beschreibt Benedikt diesen Weg. Dieses Kapitel, das schon von der Länge und der Stellung in der Kapitelfolge als das wichtigste Kapitel erscheint, ist das „Herz- und Meisterstück der RB". Kapitel 7 beginnt mit dem Aufruf: „Laut ruft uns, Brüder, die Heilige Schrift zu: ,Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden' (RB 7,1; Lk 14,11)" Dieses Herrenwort am Beginn des Kapitels klingt wie eine Überschrift für das Ganze. Aus dieser Zielangabe entfaltet Benedikt konkrete Schritte der Einübung in die Gesinnung Jesu. Sie sind häufig durch Schriftzitate markiert und charakterisieren den „Weg der Demut" als Weg der Nachfolge Christi. Benedikt beschreibt diesen Weg der Demut mit dem Bild der Leiter, die dem Jakob im Traum erschien (Gen 28). Damit nimmt Benedikt ein Bildwort auf, das in der monastischen Tradition und in der gesamten patristischen Spiritualität eine große Bedeutung hatte. Bei Benedikt hat das Bild der Leiter, die im Traum Jakobs Symbol der Gegenwart Gottes war, eine tiefgreifende Umformung erfahren. Dieses Zeichen der Gegenwart Gottes für Jakob wandelt sich bei Benedikt in einen Weg zu Gott.

Benedikt nennt 12 Stufen dieser Leiter. Die 1. Stufe der Demut ist die Furcht Gottes. Sie ist das Erfaßtwerden und Durchdrungensein des Menschen von der geheimnisvollen Gegenwart Gottes. „In Gottesfurcht leben heißt, Gott zum Maßstab aller Dinge machen. Wer nicht vor Gott wandelt, bemißt sein Tun und Lassen nach dem Maß der Welt". Benedikt war sich bewußt, daß er mit seiner Lehre über die Furcht Gottes ein in sich ruhendes Fundament für den weiteren Aufbau der Demut gelegt hat. Sie wird zu einem Fundament, das für die ganze Regel grundlegend bleibt. Benedikt verlangt sie ausdrücklich bei der Berufung zu allen wichtigen Vertrauensstellungen im Kloster, vom Abt (RB 3,11), vom Prior (RB 65,15), vom Cellerar(RB 31,2), vom Krankenbruder (RB 36,7), vom Gastbruder (RB 53,21) und vom Pförtner (RB 66,4). In der Beschreibung der einzelnen Stufen greift Benedikt wichtige Aussagen über den Gehorsam und das Schweigen noch einmal auf. Demut ist das völlige Offensein für die Stimme des Herrn. Gehorchen wächst aus dem Horchen. Demut ist Gehen auf den Spuren Christi. Benedikt hat in diesem Kapitel weitgehend die Vorlage der RM benutzt, aber wichtige Einfügungen lassen seine Motivation erkennen, so fügt er zum Beispiel bei der 3. Stufe der Demut ein: „pro Dei amore" - „aus Liebe zu Gott" (RB 7,34). Es geht nicht um eine asketische Leistung, sondern es ist die Liebe zu Gott, die das Herz des Menschen bewegt. Gehorsam als Ausdruck der Demut konkretisiert sich im Alltag. Nicht verbittert, sondern liebevoll klingt das Wort, daß der Mönch auch bei Hartem und Widrigem schweigend die Geduld umarmt (RB 7,35). Die 7. Stufe der Demut ist der eigentliche Höhepunkt, zu dem die vorausgehenden Stufen hinführen. Es ist das Eingehen in die Solidarität mit dem entäußerten Herrn am Kreuz. Diese Haltung der Demut äußert sich nicht nur in Worten, sondern ist verwurzelt im tiefsten Herzensgrund (RB 7,51).

Die Stufenfolge der Leiter, der Weg der Demut, führt zu jener Liebe (caritas Dei), die alle Furcht vertreibt. Es gehört zu den charakteristischen Elementen der geistlichen Lehre Benedikts, daß er diesen Prozeß des Reifens mit der Demut verbindet. Benedikt will den Menschen befähigen, zur Reife der Gottes- und Nächstenliebe zu gelangen.

 

5. Discretio

Gregor der Große nennt die Regel Benedikts „durch discretio ausgezeichnet" (Gregor, Dial. 2,36). Unter discretio versteht die monastische Tradition die Unterscheidung zwischen dem guten und bösen Geist, zwischen gut und besser, zwischen dem, was auf dem Weg zu Gott nützt und was nicht. Ferner ist die discretio die richtige Entscheidung für den Willen Gottes, die das Zuviel und Zuwenig meidet, das heißt sich in der richtigen Mitte bewegt, die als der königliche Weg beschrieben wird. Darum kann Johannes Cassian sagen, die discretio sei Quelle und Wurzel aller Tugenden, ja, sie ist Mutter, Hüterin und Lenkerin aller Tugenden (Coll. 2,4,4). An diese Bedeutung der discretio knüpft Benedikt an, wenn er sie die „Mutter aller Tugenden" nennt (RB 64,19). Benedikt verbindet diese Haltung der discretio vor allem mit dem Dienst des Abtes. Das Substantiv discretio taucht in seiner eigentlichen Bedeutung als Fähigkeit zur Unterscheidung und zur maßvollen Entscheidung in der RB ausschließlich in Kapitel 64 auf. Das ist bedeutsam. In diesem Kapitel zeichnet Benedikt das Bild des Abtes, der dem Haus Gottes ein würdiger Verwalter ist: klug, vorausschauend, besonnen und in seinem Handeln ganz durchdrungen von der Gabe der discretio (RB 64,17-19).

Sie ist ebenso Voraussetzung für die Entscheidungsfindung in der Gemeinschaft. Ein Beispiel dafür ist RB 3,3. Im Hintergrund erkennen wir die altmonastische Auffassung, daß Entscheidungsfindung mit Führung durch den Heiligen Geist zu tun hat. Discretio ist eine Haltung der inneren Aufmerksamkeit, ist Hören und Schauen auf die Situation, die Orts- und Zeitumstände, auf die Brüder mit ihren Schwächen und Stärken. Aber sie bleibt nicht beim Wahrnehmen stehen, sondern dem Erkennen folgt die Entscheidung. Maßstäbe für Unterscheidung und maßvolle Entscheidung sind: „Alles aber geschehe der Kleinmütigen wegen maßvoll" (RB 48,9); „damit sie ohne Murren dienen" (RB 53,18); „er regle und ordne alles so, daß es den Brüdern zum Heil dient und sie ohne einen berechtigten Grund zum Murren ihre Arbeit tun können" (RB 41,5). Nicht Geld, größeres Einkommen, erfolgreiche Arbeit haben Priorität, sondern das Heil des Menschen.

Die discretio ermöglicht den Weg der Mitte, nicht der Mittelmäßigkeit. Sie hängt eng zusammen mit Umsicht, Voraussicht, mit der Klugheit, dem gerechten Urteil, dem Sinn für Verschiedenheit in der Gemeinschaft. Diese Haltung verbindet sich mit der Furcht Gottes, das heißt in Verantwortung und Rechenschaft Gott gegenüber, im Suchen nach seinem Willen für diese Gemeinschaft und für jeden einzelnen Menschen. Benedikt sieht die discretio nicht nur im Zusammenhang mit dem Heil des einzelnen, sondern er stellt sie mitten hinein in das alltägliche Gemeinschaftsleben, nicht nur für außergewöhnliche und große Entscheidungen (RB 2,33; 64, 14.17.19; 48,8; 31,12; 41,5).

 

6. Freude

Eine wichtige Grundhaltung, die das Gemeinschaftsleben prägen soll, ist für Benedikt die Freude. Er will in der Gemeinschaft die Voraussetzungen schaffen, daß die Mönche in der Freude leben können. Freude ist eine biblische Grundhaltung: sie ist starker Glaube, lebendige Hoffnung, Staunen über die Großtaten Gottes. Sie ist Dankbarkeit.

Benedikt ist deshalb bemüht, alles so zu ordnen, daß den Brüdern kein Grund zur Traurigkeit gegeben wird. Besonders jene Brüder, die verantwortungsvolle Aufgaben in der Gemeinschaft haben, sollen darauf achten, daß sie die Brüder nicht betrüben (RB 31,6). Auch wenn ein Bruder unvernünftig etwas fordert, soll der Cellerar ihn nicht kränken, sondern die unangemessene Bitte vernünftig und mit Demut abschlagen (RB 31,7). Die Brüder sollen alles Notwendige erhalten nach dem Wort der Schrift: „Jedem wurde zugeteilt, wie er nötig hatte" (Apg 4,35 = RB 34,1). „Wer weniger braucht, danke Gott und sei nicht traurig" (RB 34,3). Benedikt sieht den Menschen in seiner Größe, aber er berücksichtigt auch seine Schwächen. Dieser Grundzug ist durch die ganze Regel hindurch erkennbar. „Den Schwachen gebe man Hilfe, damit sie ihren Dienst verrichten, ohne traurig zu werden" (RB 3 5,3). Die Hilfe (solacium) soll sie trösten und stärken, Leben und Freude ermöglichen. Diese Freude ist nicht Ergebnis menschlicher Anstrengung und Leistung, sondern Werk des Heiligen Geistes in uns. Sie führt zur Freiheit des Herzens, die nicht festhält, sondern befähigt, in geistlicher Sehnsucht und Freude das Osterfest zu erwarten (RB 49,7). Die Haltung der Zuversicht muß sich auch gegenüber Fehlern bewähren, darum schreibt Benedikt: „Der Abt muß in jeder Hinsicht wie ein weiser Arzt vorgehen. Er schicke Senpekten, das heißt ältere weise Brüder. Diese sollen den schwankenden Bruder im persönlichen Gespräch trösten und ihn zur Demut und Buße bewegen. Sie sollen ihn trösten, damit er nicht in zu große Traurigkeit versinkt" (RB 27, 2-3).

 

7. Liebe

Zu den charakteristischen Elementen der RB gehört es, daß auf dem Weg der ars spiritualis der „Liebe" nicht ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Bei näherem Zusehen ist jedoch zu erkennen, daß auf dem gesamten Weg der geistlichen Kunst die Liebe Ausgangspunkt und Ziel ist. Die instrumenta der ars spiritualis werden eingeleitet mit dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe (RB 4,1-2). Das Ende des Weges mündet in die Verheißung: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, hat Gott denen bereitet, die ihn lieben" (RB 4,77).

Der ganze Weg der ars spiritualis in den verschiedenen Akzentuierungen wie Hören, Gehorsam, Schweigen, Demut, discretio, Freude ist Einübung in die einzig notwendige Grundhaltung der Liebe. Benedikt gebraucht für die Beschreibung dieser wichtigen Grundhaltung drei Begriffe: „diligere", „amor" und „Caritas". „Diligere" kennzeichnet das Lieben aus einer willentlichen Entscheidung, aus Hochschätzung und Achtung. Diese Grundhaltung umfasst in der RB die Liebe zu Gott (RB 4,1; 4,77), zum Abt (RB 72,10), zu den Brüdern (RB 4,71; 64,11), ja, sie erstreckt sich auch auf die Feinde (RB 4,31). „Amor" ist im Unterschied zu „diligere" jene Liebe, die das ganze Sein des Menschen erfaßt und Leidenschaft einschließt. Mit dieser leidenschaftlichen Liebe sollen die Mönche Christus lieben und ihm nichts vorziehen (RB 4,21; 72,11). Die RB ist gewissermaßen die Auslegung dieser Weisung. Sie ist der Versuch, die inneren und äußeren Bedingungen zu schaffen, damit dies gelingen kann: Christus überhaupt nichts vorzuziehen. Die Liebe Jesu zu

uns ist Fundament jedes christlichen Lebens. „Christus sollen sie nichts vorziehen, weil auch Christus uns nichts vorgezogen hat", wie es schon Cyprian formulierte (Dom. orat. 15), von dem Benedikt an dieser Stelle ausgeht. In der monastischen Berufung nun versucht der Mensch, in einer spezifischen Weise sein Leben als Antwort auf diese Liebe zu gestalten. Und so weist Benedikt auf Christus als das Ziel hin, nach dem der Mönch sich mit der ganzen Kraft seines Herzens ausstreckt.

„Amor" bezeichnet in der RB aber auch jene Liebe, die sich in der Gemeinschaft im guten Eifer verwirklichen soll. Benedikt will alle geistlichen Energien in den Mönchen wachrufen und aktivieren. Nur in RB 72,3 wird der Dienst an den Brüdern mit „amor" umschrieben, weit häufiger ist „Caritas" der Begriff, in dem Benedikt das gegenseitige Dienen ausdrückt. „Caritas" ist in der frühchristlichen Literatur die Übersetzung der biblischen „agape". In der RB bezeichnet „Caritas" die Liebe, die aus dem Zusammensein von Menschen die „Bruderschaft" (fraternitas) entstehen läßt. Diese „Caritas", die sich äußert im gegenseitigen Dienen (RB 35,6), ist bei Benedikt die unerläßliche Bedingung für das Gemeinschaftsleben. Sie charakterisiert auch den Dienst an den Gästen (RB 53,3), den Dienst des Pförtners (RB 66,4), wird sichtbar im Dienst des Abtes (RB 2,22; 64,14; 27,4) und kennzeichnet auch die Beziehung der Brüder zum Abt (RB 72,10). Sie ist tragendes Motiv („ex caritate" RB 68,5), wenn einem Bruder Schweres aufgetragen wird. Schließlich ist sie jene vollendete Gottesliebe (caritas Dei), die alle Furcht vertreibt: Werk des Heiligen Geistes in uns (RB 7,67.70).

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Barmherziger Gott,

durch die Geburt

deines Sohnes

aus der Jungfrau Maria

hast du der Menschheit

das ewige Heil geschenkt.

 

Lass uns immer und überall

die Fürbitte der gnadenvollen

Mutter erfahren,

die uns den Urheber

des Lebens geboren hat,

Jesus Christus,

deinen Sohn,

unseren Herrn und Gott,

der in der Einheit

des Heiligen Geistes

mit dir lebt und herrscht

in alle Ewigkeit. Amen


(Tagesgebet am Hochfest

der Gottesmutter Maria

1. Januar)